Wie geht es eigentlich unseren TARGET2-Salden?

„TARGET2 ist ein Zah­lungs­ver­kehrs­sys­tem, über das na­tio­na­le und grenz­über­schrei­ten­de Zah­lun­gen in Zen­tral­bank­geld schnell und end­gül­tig ab­ge­wi­ckelt wer­den.“ (Quelle: Bundesbank, siehe Link)

TARGET2 ist also das Zahlungssystem zwischen den Zentralbanken der Eurozone; Endgültig bedeutet in diesem Kontext das vorbehaltlos gezahlt wird. Die TARGET2-Salden entstehen durch grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, der zumeist aus Waren- und Vermögenstransfer herrührt.

Per Ende März 2020 hat die Bundesbank eine Forderung von ca. 935 Mrd. EUR an das Target-System, d.h. aus Deutschland heraus wurden netto mehr Waren und Dienstleistungen verkauft – die entsprechend bezahlt wurden (!) – als „eingeführt“ wurden. (Import ist ja aus Drittländern, gemeint ist hier eingeführt aus Mitgliedsstaaten der Eurozone.)

Diese Nettoposition (= TARGET2-Saldo) stellt keinen Kredit an andere Länder dar sondern ist ein Guthaben der Bundesbank bei der EZB (Guthaben = Forderung!); dies ist eine sehr natürliche Entwicklung für ein Land, dass davon lebt Ware und Dienstleistungen in alle Welt zu vertreiben.

Das Risiko aus diesen TARGET2-Salden (das Thema hatte in 2018 Hochkonjunktur) ist damit an den Euro als Währung geknüpft bzw. an das Schicksal der EZB. Deutschland vereinigt 75-80% aller Nettoguthaben aus TARGET2, Spanien und Italien zusammen eine ähnliche Größenordnung an Verbindlichkeiten. (siehe hier) (Wenn es zu Schwierigkeiten rund um den Euro kommt, dann ist Deutschland in jedem Fall überproportional betroffen.)

Das Stabilitätsrisiko der Eurozone ist ein politisches Risiko – und dieses muss jeder für sich selbst bewerten. Ob die Forderung aus dem Zahlungssystem an Italien und Spanien ein Kreditrisiko darstellt hängt (u.a.) damit zusammen, wie die Bilanz der jeweiligen Zentralbank insgesamt aussieht – also: was sind die Vermögenswerte in den einzelnen Ländern, die diesen Verbindlichkeiten gegenüber stehen? (Ob es beruhigt, dass der Geschäftsbericht/Jahresbericht der Banca d’Italia nur volkswirtschaftliche Informationen enthält ist wiederum eine andere Frage.)

Fassen wir zusammen:

  • Italien exportiert überproportional in Drittländer und importiert überproportional aus der Eurozone (=erhöht die Targetsalden)
  • Deutsche Banken verschieben ihre Kundeneinlagen an Italienische Banken, um so – unter Nutzung der EU-Einlagensicherung – die Kosten für die Verwahrentgelte bei der EZB zu vermeiden (=erhöht die Targetsalden)
  • Deutschland exportiert mehr als es importiert (zumindest wertmäßig) (=erhöht die Targetsalden)
  • Reiche (nicht-deutsche) Europäer schaffen ihr Geld nach Deutschland bzw. investieren in Deutschland (=erhöht die Targetsalden)

Welcher Aspekt natürlich bzw. welcher künstlich ist oder welcher den größten Einfluss hat, liesse sich mit erheblicher Recherche noch weiter analysieren – aber bereits jetzt erkennt man hier einen der Konstruktionsfehler aus der Währungsunion:

Der Euro ist eine Gemeinschaftswährung mit nationalen Zentralbanken und keine Union mit einer einzigen Zentralbank an der Spitze. Es gibt darüber hinaus keinen Fahrplan für eine Vollendung dieser Union bzw. für eine weitere Vertiefung, was – durch den dauerhaften Schwebezustand – ein Risiko für ein Scheitern der Gemeinschaftswährung in sich birgt. Gleichzeitig gibt es keinen Plan B, bzw. keinen Notausgang – und hier ist Deutschland ganz erheblich exponiert.

Langfristig kann der TARGET2-Saldo für Deutschland immer nur weiter steigen, damit liegt es auf der Hand, dass mit zunehmend verstrichener Zeit die Bereitschaft zur Rettung der Währung in Deutschland immer weiter steigen muss – einhergehend mit dem Risiko den richtigen Zeitpunkt für einen harten Schnitt bzw. Ausstieg aus einer Rettungspolitik zu verpassen. (In Bankenkreisen nennt man dies: „dem schlechten Geld gutes Geld hinterher werfen.“)

Besonders interessant an dieser Konstruktion ist die Tatsache, dass die besonders Vermögenden („Super-Reichen“) ihr Geld nach Deutschland in Sicherheit bringen können und Deutschland dafür de facto das Ausfallrisiko ihres Herkunftslandes übernimmt (also den eigenen Schaden im Gegenzug vergrößert).

Ich weiss nicht, ob die Gründer der Währungsunion dies sich so vorgestellt hatten…

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 25 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ein ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz und hohen Change-Management-Skills. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung und der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen.

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