Glaubenssätze zu den Niedrig-/Negativzinsen

Seit 5 Jahren beanspruchen die Niedrigzinsen bzw. auch die Negativzinsen unsere Aufmerksamkeit in hohem Maße. Anfänglich war dies ein neues Phänomen, wenngleich sich die Forschung bereits 1896 damit theoretisch beschäftigt hat (Irving Fisher, Appreciation and Interest, in: Publications of the American Economic Association, Vol. XI., No. 4, 1896, New York: The Macmillan Company, Pages 331 – 442), welches betriebswirtschaftlich wie juristisch für Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland

Zunächst war der Glaube sehr ausgeprägt, dass diese Phase nur sehr kurz andauern würde. Inzwischen haben wir uns alle daran gewöhnt und eine gewisse Normalität ist entstanden – aber eben keine wirkliche. Viele von uns haben das Gefühl, die Zinswelt ist so nicht in Ordnung und kann so nicht dauerhaft bleiben. Da zunehmend das neue und auch inhaltlich dynamische aus diesem Themenkomplex entschwunden ist, versuchen wir alle, versuchen die Medien jede Information zu deuten und zu interpretieren, welche Auswirkungen dies auf das Zinsniveau oder sogar auf die Geldpolitik haben könnte.

Es ist ein bisschen wie Flurfunk im Büro: fehlende Fakten werden durch Aufregung ersetzt.

Ich habe für mich einige Glaubenssätze rund um unsere Zinssituation gefunden und finde, sie können einen Beitrag zur allgemeinen Entregung leisten.

I. Die Zinsen werden noch sehr lange niedrig und negativ bleiben

Zu allererst glaube ich daran, dass wir dieses Zinsniveau noch für eine sehr lange Zeit werden ertragen müssen und dürfen. Erinnern wir uns daran, dass der Ausgangspunkt unseres Zinsniveaus in der globalen Finanzmarktkrise von 2008/2009 zu suchen ist und diese Krise mit Zeitverzug dann auf die Realwirtschaft, zumindest vorübergehend, durchgeschlagen ist. In der Folge von Bankenrettung und Wirtschaftsstimulation sind wir in eine europäische Staatsschuldenkrise geschlittert, die dazu geführt hat fehlendes Vertrauen der Marktteilnehmer durch staatliche Liquidität zu heilen und hoch verschuldeten öffentlichen Haushalten mit Methadon in Form von günstigen Kapitalmarktzinsen zu retten.

Viele von uns erinnern sich noch an hohe Nervosität und an die Sorge um den Fortbestand der Eurozone oder gar Europas. Aus dieser Zeit stammte der wohl berühmteste Ausspruch von Mario Draghi „Whatever it takes!“ und alles was danach folgt ist noch jüngere Geschichte oder gar Gegenwart.

Leider hat sich die hohe Nervosität und die Angst der Politik nicht in ein politisches Handeln übersetzt und es hat daher auch keine dringend notwendige Reform der Eurozone gegeben. Im Kern macht jeder weiter wie bisher, nur mit dem Unterschied, dass das Geld billiger ist als früher. Das bedeute leider auch, dass die zugrunde liegenden Probleme und Strukturreformen nicht angegangen sind. Sobald die Zinsen beginnen zu steigen, werden sukzessive die Probleme, die zu der Staatsschuldenkrise geführt haben wieder zutage treten und schlagen werden. Eine berechtigte Angst um die Eurozone wäre schnell zurück.

Solange die Eurozone ist wie sie ist, gibt es keine vernünftigen Möglichkeiten Zinsen zu erhöhen ohne die Eurozone selbst zu gefährden. Also werden wir die Zinsen sehr lange so behalten wie sie sind und die EZB wird sich darauf konzentrieren, die Gegenwart schlecht zu reden und die Zukunft verhalten optimistisch darzustellen, damit wir eine normale Zinskurve bekommen – aber eben in Gänze keine Zinserhöhung.

Auch die Initiativen der Staaten und der EU in der Corona-Krise führen zu einer weiteren Ausweitung der Geldmenge und senken das Potenzial für Zinserhöhungen/-normalisierungen.

Im übrigen findet die EZB ihre Negativzinspolitik auch nicht unerfolgreich (–> ECB Economic Bulletin, 14. Mai 2020).

II. Der Negativzins führt zu falschen Investitionsentscheidungen

In der wissenschaftlichen Literatur wird viel über die Lenkungsfunktion und Präferenzfunktion von Zins geschrieben und auch darüber, welche Auswirkungen ein fehlender oder gar ein negativer Zins hat.

Hier möchte ich Abschichten, dass es um zwei Wirkungen geht, die sich jedoch gegenseitig unterstützen. Zum einen werden die Fremdkapitalkosten insgesamt niedriger d.h. die Profitabilität eines Unternehmens verbessert sich allein dadurch, weil es sich günstiger refinanzieren kann. Möglicherweise werden hierdurch Verluste vermieden und ein ansonsten unprofitables Unternehmen kann überleben; in diesen Konstellation spricht man von sogenannten Zombie-Unternehmen. Die andere Wirkung ist die steigende Vorteilhaftigkeit von Investitionen aufgrund eines im historischen Vergleich niedrigeren Kalkulationszinses:

„Vordergründig entstehen zudem aus einem niedrigen Zinsniveau zusätzliche Investitionsanreize, weil sich die Vorteilhaftigkeit in der Investitionsrechnung verbessert. Allerdings kann dies nicht losgelöst vom Nachfrageverhalten der Kunden, bzw. (End-)Verbraucher – also der Zukunftsperspektive dieser Kunden und Verbraucher – betrachtet werden. Das Niedrigzinsumfeld wirkt somit für Unternehmen zunächst attraktiv, tendenziell mehr Fremdkapitalfinanzierungen zu suchen, wobei die Zukunftsperspektive bzw. die erwartete Stabilität als Regulativ wirkt. Jedes Unternehmen wird also sehr gründlich seine Umwelt analysieren, bevor es bereit ist grundlegend seine Finanzierungsstruktur anzupassen.“ (in Thies Lesch, Negative Zinsen und das Kreditgeschäft – Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland, Seite 35, 2017, Wiesbaden: SpringerGabler)

Die beruhigende Botschaft ist, dass ein mittelständischer Unternehmer seine Investitionsentscheidung nicht ausschließlich anhand der Formeln aus einem Kurs für Investitionsrechnung trifft. Vielmehr spielt nicht der aktuelle Zins, sondern die Zinserwartung eine Rolle und insbesondere die Einbettung der Investition in seinen gesamtbetrieblichen Kontext und der damit verbundenen Markterwartung. Ich beobachte ein Investitionsverhalten, das vom Zinsniveau (in beide Richtungen) entkoppelter ist, als uns die wissenschaftliche Literatur und Berichterstattung in den Medien glauben lassen will. Natürlich spielt der Zins eine wichtige Rolle, weil das Zinsniveau und die Zinsentwicklung eine Indikationsfunktion für Konjunktur und Stabilität insgesamt darstellen, gleichzeitig leiten sich aus Zinsniveau und Zinserwartung auch Fremdkapitalkosten und Refinanzierungsrisiken her – aber der Zins spielt ihm auch nicht die alleinige Rolle in der Investitionsentscheidung.

Solange die Wirtschaft glaubt, dass die Niedrigzinsphase nicht ewig dauert, solange wird nicht gezockt, sondern vernünftig investiert. (So lässt sich teilweise trotz perfekter Rahmenbedingungen für Fremdfinanzierungen durchaus auch Investitionszurückhaltung beobachten.)

Fehlinvestitionen aufgrund niedriger oder negativer Zinsen sind eher im öffentlich-rechtlichen Raum zu befürchten, wo die kommerzielle Facette eine Investition keine oder nur eine nachgelagerte Rolle spielt: wenn ich für das Schuldenmachen noch Zinsen bekomme, dann kann ich auch eine unbefahrene Seitenstraße dreimal asphaltierten und hoffen, dafür wieder gewählt zu werden. (Hier trifft die Budget- und Ausgabenorientierung der Kameralistik auf politische Gelegenheiten.)

Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die institutionellen Investoren, die aufgrund ihres Geschäftsmodells oder auch aufgrund ihrer satzungsgemäßen Anlagepolitik zum Handeln gezwungen sind. Sie müssen den Markt abbilden, sie müssen diversifiziert investieren (etc.) und folgen damit eher der Mathematik, wenn andere den Zahn vielleicht auch mal nicht trauen.

III. Wir werden eine hohe Inflation bekommen

In der nachfolgenden Grafik aus der WELT vom 23.01.2020 kann man sehr schön erkennen, dass sich die Bilanzsumme der europäischen Zentralbank seit der Finanzmarktkrise vervierfacht hat. Gleichzeitig haben wir eine dramatisch niedrige Inflation, die mit als Grund angeführt wird, warum die Zinsen so sind wie sie sind.

Die Geldmenge M1 ist seit der Finanzmarktkrise jährlich zwischen 6 % und 12 % gewachsen, während in der gleichen Zeit Inflationsrate zwischen 0,0% und 1,5 % lag. Zwischenzeitlich spukte ja auch die Angst vor einer Deflation.

Dieser dramatisch ausgeweiteten Geldmenge stehen aber keine im gleichen Maß gestiegenen Vermögenswerte (Assets) gegenüber. Jetzt mögen die Immobilienpreise (für selbstgenutztes Wohneigentum) nur unterproportional in den Warenkorb zur Bestimmung von Inflation einfließen, aber für diese Anlageklasse haben sich die Preise gewaltig entwickelt (teilweise mehr als verdoppelt). Da Immobilien aber ja Investitionsobjekte sind und keinen Konsum darstellen haben wir hierüber aus Inflationssicht Zeit gekauft. Den doppelt so teuren Immobilien werden perspektivisch auch doppelt so hohe Mieten gegenüberstehen. Denn: Im Verhältnis zu der notwendigen Investition ist der Mietzins ebenfalls auf einem rekordverdächtig niedrigen Niveau. Eine Normalisierung muss spätestens dann eintreten, wenn fremdfinanzierte Besitzer zu anderen Zinskonditionen ihre Finanzierung verlängern müssen – schließlich soll das Investment keine Verluste erwirtschaften.

Ich persönlich glaube nicht, dass es der EZB in absehbarer Zeit gelingen wird die Geldmenge wieder einzufangen und auf ein Niveau zu begrenzen, welches lediglich 50 % – 100 % über dem Vorkrisenniveau liegt. Insofern wird es zwangsläufig zu einem Ausgleich zwischen Geldmenge und Assets kommen.

Die spannende Frage bleibt natürlich in welcher Geschwindigkeit und mit welcher Dynamik tritt eine Inflation ein; hier werden uns sicherlich auf unsere EZB verlassen können, so dass diese Inflation möglichst gleichmäßig und möglichst sanft über uns hereinbricht. Politisch viel brisanter wird die Frage sein, auf welche Weise in den einzelnen Ländern für die abhängig Beschäftigten ein Inflationsausgleich aussehen kann. Wir haben eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Wirtschaftpolitik. Hinzuzukommen Leistungsunterschiede in der Produktivität zwischen verschiedenen Ländern und Standorten die unterschiedliche Niveaus an Inflationsausgleich rechtfertigen werden. Politische Begehrlichkeiten werden einer notwendigen Differenzierung jedoch im Wege stehen und somit steht zu befürchten, dass die kommende Inflation auch einen politischen Sprengstoff in Bezug auf die Stabilität der Eurozone in sich tragen wird.

Mit dem 750 Mrd. EUR Programm als Antwort auf die Corona-Krise wird es nicht leichter – wobei die so (hoffentlich) ausgelösten Investitionen führen zu einer Vermehrung der Vermögenswerte und könnten – trotz parallel ausgeweiteter Geldmenge – die Starrheit in den Preisen lösen und damit sogar auf die Inflation wirken.

IV. Die Bankenkonsolidierung wird beschleunigt

Ja, es ist ganz klar, die Niedrigzinsphase führt dazu, dass das tradierte Geschäftsmodell der meisten (Regional)Banken nicht mehr funktioniert. (Hier recht sich die relative Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt.) Früher wurden auf der einen Seite kurzfristige Einlagen eingesammelt und mit einem niedrigen Zins versehen, um dann dieses Geld auf der anderen Seite vermitteln langfristige Kredite mit einem entsprechenden Aufschlag auszuleihen. Diese Fristentransformation funktioniert nicht mehr. Der eine Grund ist, dass aufgrund des niedrigen Zinsniveaus insgesamt der Abstand zwischen langen Geld und kurzem Geld geringer geworden ist, also das notwendige Gefälle für eine Fristentransformation geschrumpft ist. Die zweite Ursache ist schlicht, dass aufgrund des niedrigen Zinsniveaus auslaufende Wertpapiere von Anlegern nicht durch neue Wertpapieranlagen ersetzt werden, sondern vielfach als Liquidität auf den Konten landen, um auf einen besseren Zeitpunkt für eine Wiederanlage zu warten. Und letztlich darf nicht vergessen werden, dass die Zentralbanken auch Verwahrentgelt berechnen für Einlagen über die vorgeschriebene Mindestreserve hinaus. (PS: hier wurde im letzten Herbst eine Staffelregelung eingeführt, um die Auswirkungen für die Kreditinstitute zu mildern)

Natürlich sind die Kosten für die Refinanzierung schneller gesunken, als die Erträge aus den Krediten auf der Aktivseite – schließlich ist die Refinanzierung überwiegend kurzfristig. Wenn ich allerdings in einem normalen Zinsumfeld auf eine Sichteinlage einen Zinssatz zwischen 0,25 % und 0,50 % zahle, dann ist der Abstand zu 0,00% deutlich niedriger, als der Zinsunterschied zwischen einer Immobilienfinanzierung für 4,50 % zu 1,50 %. Aufgrund der längeren Laufzeiten dieser Finanzierungen dauert der Portfolioumschlag etwas länger; die niedrigeren Zinsen haben sich also sukzessive über 10 Jahre in die GuV der Banken hineingefressen. Der Rückgang im Zinsüberschuss kann immer weniger über Neugeschäft und zusätzliche Kunden ausgeglichen werden, außerordentliche Erträge aus der Bewertung irgendwelcher Positionen werden auch immer seltener und die Bankbilanzen zeigen immer deutlicher wie ernst die Situation der Häuser ist.

Vor diesem Hintergrund wird es ganz sicher eine beschleunigte und verstärkte Konsolidierung im deutschen Bankenmarkt geben, allein um die Kostenseite redimensionieren zu können. Leider werden Filialschließung, Zentralisierung und Personalabbau allein nicht ausreichen, um die Probleme der Banken zu lösen. Trotzdem bleibt dieses Vorgehensmodell akzeptiert, sowohl von den Eigentümern als auch in der Management Community. Das eigentliche Problem ist, dass die Ertragslage so angespannt ist, dass kaum ein Player heutzutage in der Lage ist, die gewaltigen Investitionen zu stemmen, die in die IT-Landschaft notwendig sind, um sich neu zu erfinden. Ergänzend zu den fehlenden Budgets käme die hohe Komplexität und das vergleichsweise hohe Managementrisiko für Fehlentscheidungen, Budgetüberschreitungen und Zielerreichung, so dass die Hauptbaustelle zudem emotional nicht besonders attraktiv wird. (Von dem notwendigen Zeitstrahl ganz zu schweigen.)

Dieses Szenario spricht dafür, dass sich die klassischen Banken primär auf die vorstehend angedeutete Konsolidierung stürzen werden, um so die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen zu optimieren und, dass sich neue Marktteilnehmer primär um eine neue Kundenerlebniswelt bemühen werden. Die neuen Marktteilnehmer profitieren von ihrer geringeren Komplexität und der gleichzeitig fehlenden Legacy-IT. Beiden Welten fehlt jedoch die notwendige Kombination aus Kapitalausstattung und Risikofreude, um den Markt einmal vollständig aufzurollen.

Die unbekannte Variable in diesem Spiel ist die Entwicklung der Kreditrisiken in den Bankportfolien, die Corona-bedingt in den nächsten drei Jahren deutlich ansteigen werden. Die schwache Ertragssituation erlaubt es den meisten Banken in Deutschland derzeit nicht nennenswerte Kreditverluste aufzufangen. Hierdurch kann nochmal eine ganz eigene Dynamik entstehen – und sogar die eine oder andere Überraschung mag dabei sein.

V. Der Euro wird sich verändern

Der fundamentale Fehler in der Konstruktion des Euros besteht unverändert bis heute. Die Gemeinschaftswährung ist ein politisch gewolltes Prestigeprojekt, ein erfolgreich imagebildender Faktor der Währungsunion.

Aber es ist eben nur eine gemeinsame Währung. Es gibt keine vollständig gemeinsame Wirtschaftspolitik und es gibt vor allem keine gemeinsame Fiskalpolitik. Der politische Wahlkampf wird ganz oft auf Kosten der Europäischen Union geführt: Parteien, fast jeder Couleur, regen sich über ein hirnloses Brüssel auf und reklamieren Erfolge aus Brüssel für sich. Der politische Wahlkampf wird geführt zwischen die und wir, aber das wir ist immer die Provinz und niemals das große Ganze. Und auch die Währung hat in der bisherigen Form nicht dazu beigetragen große Ganze zu stärken.

Ich glaube man kann relativ schnell darin übereinstimmen, dass der Euro so wie er heute ist, nicht auf Dauer wird bleiben können. Es wird die nächste Schuldenkrise kommen, die nächsten Rettungsprogramme sind bereits in den Startlöchern und die Geldmenge wächst und wächst und entkoppelt sich damit immer weiter von dem Leben der Menschen.

Ich sehe momentan allerdings keine politische Bereitschaft den Einigungsprozess in Europa zu vertiefen und auch keine starken Treiber auf der politischen Bühne.

Als Exkurs zu dem 500 Mrd. EUR-Fonds von Macron/Merkel (Eurobonds / Eurobonds-Ersatz): Frankreich fühlt sich den südeuropäischen Staaten sicherlich stärker verbunden, als die Nordeuropäischen und will vermutlich Akzente setzen und Führungsstärke zeigen. Deutschland hingegen muss die EU besänftigen, damit die eigenen inländischen Rettungsprogramme nicht als Wettbewerbsverzerrung in Brüssel zerlegt werden – insofern dürfte Deutschland auf das Veto der anderen Nordstaaten hoffen. Dies ist also aus deutscher Perspektive eher eine Industriepolitik als eine Europa-/Währungspolitik. (Auch die Steigerungsphantasie der EU-Kommission auf 750 Mrd. EUR wird womöglich an der fehlenden Einstimmigkeit scheitern und dient somit eher dem Stimmenfang in EU-kritischen Staaten – dann aber auf Kosten der ablehnenden Nationalstaaten.)

Der Brexit hat für sich genommen erst man nichts mit der europäischen Währung zu tun, aber er zeigt anderen Ländern wie groß oder wie klein die Probleme mit oder ohne Europa sein können. In Italien wird im Wahlkampf immer gern mit dem Feuer gespielt, wenn sich die englische Wirtschaft nunmehr wieder Phönix aus der Asche erhebt oder erheben sollte, dann werden die separatistischen Wahlkämpfe noch mal deutlich an Schärfe gewinnen. (Durch Corona gibt es gegenwärtig aber „dringendere“ Probleme, so dass – wenn derzeit Kritik geäußert wird, diese an einzelnen Nationalstaaten für ihr Verhalten geäußert wird und nicht an der EU insgesamt. Dies dürfte sich aber in absehbarer Zeit wieder ändern.)

Wenn ein Eurozonen-Land aus dem Euro oder zusätzlich aus der europäischen Union austreten sollte, so wird sehr wahrscheinlich die neue-alte eigene Währung gegenüber dem Euro abwerten müssen. Da die Altverbindlichkeiten gegenüber der Europäischen Union aber in Euro sind steigt hierdurch sehr schnell und sehr stark die Staatsverschuldung des ausgetretenen Mitgliedstaates an. Hierdurch steigt ganz erheblich das Risiko eines Staatsbankrottes. Jetzt kann die Eurozone dies abzuwenden auf einen Teil der Verbindlichkeiten verzichten, würde damit aber womöglich politisch ungewollte Signale senden. Also ist im Nachgang wahrscheinlich eine anteilige Abschreibung auf eine uneinbringliche Forderung notwendig.

Aus deutscher Sicht könnte man vereinfacht sagen: der Exportweltmeister hat sich politische Risiken eingekauft, um die eigene Währung abzuwerten und damit preisgünstiger auf dem Weltmarkt anbieten zu können und somit noch mehr zu verkaufen als in der Vergangenheit. Ob sich das Ganze in Form von einem erhöhten Wohlstand langfristig auszahlt wird man abwarten müssen. Wenn die Kreditverluste auf uns zukommen, sind die Handelsgewinne in jedem Fall schon lange verfeiert und vergessen.

Mein Fazit

Es steht zu befürchten, dass die Geldpolitik, die eingeführt wurde, um erst die Banken und dann die Staatshaushalte zu retten, maßgeblich dazu beiträgt das soziale Klima in den Mitgliedstaaten zu vergiften und womöglich auch langfristig politisch destabilisierend zu wirken.

Die Immobilienpreise sind gewaltig angestiegen, während sich die Einkommen eher seitwärts bis moderat entwickelt haben. Der Anteil des Haushaltseinkommens der für die Finanzierung einer selbstgenutzten Wohnimmobilie notwendig ist, ist bisher nicht angestiegen. Der damit einhergehende Verschuldungsgrad hingegen schon. Während ich früher eine Wohnimmobilie in 25 – 30 Jahren abbezahlen konnte, sind nunmehr Zeiträume von 40 – 50 Jahren notwendig. Wir reden also über Zeiträume, die nicht mehr im Arbeitsleben eines einzelnen Menschen bzw. einer einzelnen Familie zu bewältigen sind. Wenn diese Finanzierung in 10 oder 15 Jahren zu einer Zinsverlängerung anstehen, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass der neue Zinssatz zu deutlich höheren Kosten für die Familienkasse führt, obwohl bereits ein Teil zwischenzeitlich getilgt wurde. (Und die Entwicklung der durchschnittlichen Einkommen bis dorthin steht in den Sternen.)

Das Ganze geht einher mit einer Perspektive auf eine zunehmend niedrigere Rente bei gleichzeitig steigenden Steuern auf eben diese Renten. Die volle Wucht dieser Entwicklung trägt die Generation die jetzt zwischen 30 und 40 Jahre alt ist.

Nur der Durchschnittsbürger, der etwas erbt wird wahrscheinlich noch in der Lage sein seine Wohnimmobilie vollständig zu entschulden und damit seine Lebenshaltungskosten im Alter zu senken und zu begrenzen. (Ich schaue hier bewusst auf die Immobilie, weil sie ein klassischer Baustein der privaten Altersvorsorge ist und gleichzeitig den größte Hebel bietet, um zum Renteneintritt die laufenden Ausgaben zu senken und sich so dem niedrigeren Einkommensniveau anzupassen.)

Um diese skizzierten Auswirkungen abzumildern, wird die oben erwähnte Inflation notwendig sein! („Entwertung der Schulden bei Lohn-/Einkommensausgleich.“)

Und: die Negativzinsen sind am Ende ein genau so politisches Konstrukt wie der Euro selbst.

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 25 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ein ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz und hohen Change-Management-Skills. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung und der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen.

5 Kommentare zu „Glaubenssätze zu den Niedrig-/Negativzinsen

  1. Lieber Herr Lesch,

    vielen Dank für den (wenn auch wenig optimistischen) Ausblick auf die volkswirtschaftlichen, besser: sozioökonomischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Ich stimme allen Ihren Szenarien zu. Beim Thema „Investitionsentscheidungen von Unternehmen im Niedrigzinsumfeld“ spielen meines Erachtens noch die durch die Bonitätsbewertung der Hausbank limitierten Möglichkeiten für Investitionen eine Rolle. D.h., die Investition würde sich unternehmerisch rechnen, aber die Bank will nicht ins Risiko gehen (sehr wahrscheinlich auch, weil sie bei anderen Unternehmen Ausfälle befürchtet).

    Was können wir nun tun, damit die von Ihnen beschriebenen Szenarien nicht ganz so düster eintreten? Damit meine ich weniger die Forderung nach Strukturreformen, die aufgrund der politischen Ökonomie sowieso vergebens ist. Sondern Dinge, die Unternehmen und Menschen selbst in der Hand haben. Wie kann die „Kundenerlebniswelt“ einer Bank aussehen? Machen wir mehr Homeoffice und können auf das Land ziehen, um den steigenden Mieten und Immobilienpreisen etc. auszuweichen? Können wir ….

    Freue mich auf weitere, machbare Vorschläge!

    Gunnar Geyer

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  2. Lieber Herr Geyer,

    vielen Dank für Ihr Feedback!

    Zu der Bonitätsbewertung einer Hausbank: das (nennen wir es einmal) Risikogefühl einer Bank hat sich erst im Zuge der Corona-Krise verändert. Aufgrund des Lockdowns wurde allen wieder bewusst, dass die Jahresabschlüsse und BWAs eines Unternehmens möglicherweise nur eine geringe Aussagekraft dafür haben, wie es morgen oder übermorgen aussieht. Die Fortschreibungsregeln der Vergangenheit wurden damit nicht gänzlich ausser Kraft gesetzt, aber für viele Branchen zumindest mit einem Fragezeichen versehen. In der Zeit davor hatten wir auch schon eine Niedrigzinsphase. Da mag es immer mal wieder Einzelfälle geben, wo mal die Entscheidung (s)einer Bank nicht nachvollziehen kann, aber auch die Banken stehen zu einander im Wettbewerb und wollen grundsätzlich Kredite ausreichen. Sofern die Investitions vernünftig ist und die wirtschaftlichen Verhältnisse geordnet sind, so wird sich auch (normalerweise) eine Finanzierung finden lassen.

    Strukturell benachteiligt sind in dem Kontext eher die kleineren Unternehmen und Existenzgründer. Die Herausforderung liegt hier in der Risikoeinschätzung. Hier besteht eine große Überlappung zwischen privatem Vermögen und Firmenvermögen bzw. die Gewinne dienen weitestgehend der Lebenshaltung. Aber es gibt viele Anbieter, die sich dem Thema annehmen – so auch die Genossen und Sparkassen, neben weiteren und Fintechs.

    Die politische Landschaft lässt sich in Summe nur an der Wahlurne und mit politischem Engagement beeinflussen; dies ist aber zäh und langwierig.

    Den Meisten bleibt damit nur, sich auf die Situation einzustellen. Denkbare Ansätze sind:

    – Kosten senken = dahin ziehen, wo es günstiger ist. Selbst Obst und Gemüse anbauen, etc.

    – Geldvermögen in Realvermögen investieren, um von der Währung unabhängiger zu werden (Immobilien, Aktien, Genossenschaftsanteile) (hier auch in vernünftigen Rahmen mit Fremdkapital arbeiten, um ggfs. von einer Inflation zu profitieren)

    – Geldvermögen in andere Währungen ausserhalb des EUROs zu übertragen

    Auf die Kundenerlebniswelt komme ich zurück…

    Einstweilen herzliche Grüße
    Thies Lesch

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  3. Zur Kundenerlebniswelt:

    Damit eine Bank ihren Kunden eine auf diese Sichtweisen abgestimmte Erlebniswelt bieten kann und will ist im ersten Schritt notwendig, dass die Bank diese Sichten teilt.

    Nun ist es üblicherweise so, dass Banken sich gern neutral positionieren. Zum einen will man – sofern man nicht selbst direkt angesprochen ist – unparteiisch bleiben, um keine Kunden zu verschrecken. Aus diesem Grund ist der Chef-Volkswirt einer Bank auch meistens im Kommunikationsbereich angesiedelt und nicht im Portfolio Management.

    Daneben ist eine Bank betriebswirtschaftlich in der Kernwertschöpfung im Geldkreislauf unterwegs. Inflationserwartung spielt zunächst keine Rolle. 8 Geldeinheiten Eigenkapital erlauben 100 Geldeinheiten Kreditvolumen und verdienen 2 Geldeinheiten Marge. Also: Währung, Inflation – alles nur nachgelagert.

    Inflation spielt natürlich schon eine Rolle, wenn es an die Beurteilung der Zinserwartung geht und wenn es um den Anstieg der Sachkosten geht – aber eben erst im zweiten Schritt.

    Eine Beratung und damit eine Kundenerlebniswelt, die auf diese Szenarien einsteigt muss also Inflation und Inflationserwartung thematisieren. Wenn dabei man ohne eigene Meinung auskommen will, so ist das nahezu möglich – man müsste sich nur für eine Quelle der Inflationswerte und -erwartungen entscheiden und diese Entscheidung vertreten.

    Sobald ich neben Zinsen auch über Inflation spreche, werden die Gespräche ganz sicher Andere werden – und eine gänzlich neue Qualität bekommen.

    Dann wird man aber nicht drum herum kommen, zu verstehen, wie die Inflation – je nach Quelle – ermittelt wird. Gefühlte Inflation ist meist ja nicht die echte Teuerung.

    Diese Erlebniswelt ist anstrengender für Kunde und Berater – und damit es funktioniert müssen beide es wollen.

    Ich denke, die Kunden im Wealth Management der Banken sind dieser Erlebniswelt am nächsten.

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