Geschäftsreisen – eine Perspektive

Die Berichterstattung über den Ausblick der Lufthansa bzw. über die zu erwartende Entwicklung des Luftverkehrs im Allgemeinen, die in der letzten Woche für entsprechendes Aufsehen gesorgt hat, möchte ich zum Anlass nehmen, um einmal meine Gedanken in eine Perspektive für die Entwicklung der Geschäftsreisen zu gießen.

Corona war sicherlich ein Katalysator für diese Entwicklung, schwerlich nur allein die Ursache. Ohne Corona wäre diese Entwicklung wahrscheinlich auch eingetreten nur deutlich langsamer womöglich ohne eine besondere Wahrnehmung darauf.

In der Phase des sogenannten „Lockdowns“ ging es ja darum einfach irgendwie zu arbeiten, weiter zu machen. Es war ein experimentierfreudiger Raum, in dem viele Dinge getestet werden konnten und gemein war allen ein hoher Sinn für Pragmatismus. Die üblichen Bedenkenträger hatten Pause, aber keine Sorge der ein oder andere ist zwischenzeitlich zurück.

Für das Unternehmen hat die Reisetätigkeit der Mitarbeiter drei Facetten:

  1. natürlich der Nutzen, d.h. der Kundenkontakt, der Geschäftsabschluss – kurz: das Eintreten des erwarteten Ergebnisses, das mit dem Reisegrund verbunden wird.
  2. eine Kosten- und Effizienzdimension. Das Reisen kostet und ein Mitarbeiter unterwegs arbeitet halt nicht, oder zumeist nur eingeschränkt
  3. und letztlich eine Risikodimension. Ein Mitarbeiter, für den das Unternehmen eine Fürsorgepflicht hat, verlässt das Unternehmen (als „sicheres Gebäude“) im Auftrag des Unternehmens und geht dort das Risiko ein, zu verunfallen oder zu erkranken. Gleichzeitig besteht möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko, dass Firmenausrüstung verloren geht oder gestohlen wird, bzw. sogar Geschäftsgeheimnisse gestohlen oder abgehört werden können.

Der Katalysator Corona hat also den Beweis angetreten, dass sehr vieles auch ohne zu reisen funktioniert. Rein kognitiv ist das sicherlich keine neue Erkenntnis, neu ist eher der soziale Beweis, dass es auch tatsächlich akzeptiert wird und nicht unmittelbar mit irgendwelchen negativen Auswirkungen sanktioniert wird.

Insofern glaube ich fest daran, dass der klassische Vielreisende, also der, der förmlich jeden Tag woanders ist, tendenziell verschwinden wird. Ich glaube eher, dass bewusster gereist werden wird und Reisen auch intensiver geplant werden als in der Vergangenheit. Also wenn Reisen, dann zumeist auch länger und mehrere Anlässe kombinieren. Der Gedanke dahinter ist das erhöhte Risiko auf möglichst viel gehobenen Nutzen zu verteilen.

Der Bedarf an Business Hotels für eine einzelne Übernachtung am Stück wird sicherlich dauerhaft geringer, als in der Vergangenheit. Ich könnte mir vorstellen, dass ein gewisses Potenzial für Apartmenthotels besteht, um längere Aufenthalte angenehmer (und kostengünstiger) zu gestalten. Dies beides ist in meiner Sicht allerdings kein Null-Summen-Spiel, sondern netto reden wir über ein vermindertes Übernachtungsniveau.

Natürlich wird auch das Auto als Reisemittel wieder relativ an Bedeutung gewinnen. Das schmälert nicht die guten Verbindungen der Bahn zwischen verschiedenen Metropolregionen Deutschland, aber viele Ziele erfordern eben ein mehrfaches Umsteigen und dann ist, wenn man Infektionsrisiken in Betracht zieht, das Auto die eigene Quarantänezelle. Letztlich wird es wahrscheinlich auch so sein müssen, dass, wenn die Fluggesellschaften sich aus dem Tal herausgearbeitet haben, das Fliegen viel teurer sein wird als in der Vergangenheit. Ich stell jetzt gar nicht so sehr ab auf die weitere Neutralisierung von Umweltfolgen, was sicherlich auch perspektivisch stärker in die internationalen verkehre einfließen wird, sondern schlicht auf die notwendigen Kapitalerhöhung und aufgelaufenen Verluste der Fluggesellschaften, die ihr Geschäft nunmehr anders profitabel gestalten müssen , zumal das Mengengerüst, aus dem die Deckungsbeiträge generiert werden können, sich deutlich verringert hat.

Nach meiner Überzeugung werden die virtuellen Formate immer wichtiger und vor allem auch immer professioneller. Das geht in Richtung Leitungskapazitäten aber besondere auch im Hinblick auf die dafür zu verwendenden digitalen Tools und deren Integrationsfähigkeiten. Firmen die hier Angebote entwickeln, werden logischerweise profitieren können. Ich denke beispielsweise an die Einbindung von mobilen Kameras in entsprechende Calls oder Onlinekonferenzen, um zum Beispiel eine virtuelle Besichtigung durchzuführen. Gleiches natürlich auch möglich mit einer Drohne. Auch die Einblendung von Film ein Spielern oder virtuelle Konstrukte wie wir es aus den Nachrichtenstudios kennen, werden sehr bald Standard sein.

Stellen wir uns heute einfach mal den Unterschied zwischen einem bilateralen Call per Skype und der Aufmachung eines professionellen Streaming-Events vor, dann bekommen wir ein Gefühl für die Richtung und Qualität, in die es gehen wird.

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 25 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ein ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz und hohen Change-Management-Skills. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung und der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen.

2 Kommentare zu „Geschäftsreisen – eine Perspektive

  1. Vielen Dank für diese interessante Perspektive und diverse Denkanstöße. Die Facette ist m.E. etwas zu kurz geraten: Wenn überhaupt noch etwas für Geschäftsreisen spricht, dann ist es das Knowhow, welches nicht durch Bedienungsanleitungen oder Software übergeben werden kann. Mit dem Austausch bzw. der Weitergabe dieses Knowhows an / mit dem Kunden sind Produktivitätseffekte verbunden. Siehe hier: https://blogs.faz.net/fazit/2020/09/21/zoom-ist-keine-loesung-11806/

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