Die Rolle der Photovoltaik im zukünftigen Energie-Mix

Dr. Jörg Böttcher, Sommer 2021

Verschiedene Nachhaltigkeitsstrategien – wie etwa die der Agora Energiewende – prognostizieren ein erhebliches Wachstum der Photovoltaik in den nächsten Jahren. Zu Recht?

Ja. Zentral ist, dass die Stromgestehungskosten von Freiflächenanlagen in den letzten 20 Jahren sehr deutlich gesunken sind. Zu Beginn der staatlichen Förderung in Deutschland lagen sie bei knapp 40 Cent/kWh, und sind sukzessive auf derzeit unter 4 Cent/kWh gesunken.

Wie kommt es, dass die Stromgestehungskosten so massiv gesunken sind?

Zumindest bis 2013 konnte man beobachten, dass eine Senkung des Fördertarifes um z.B. 10 % zu einer Senkung der Gesamtinvestitionskosten von ebenfalls 10 % führte. Die Förderung war also so auskömmlich, dass diese Senkung des Tarifs problemlos aufgefangen werden konnte. Ob dies darauf zurückzuführen ist, dass Projektierer und Modulhersteller übermäßige Gewinne gemacht haben oder ob die hohen Fördersätze nötig waren, um entsprechende Kapazitäten aufzubauen, vermag ich nicht zu sagen. 

Welche Rolle haben hier Investoren, Banken und Projektierer?

Die Investoren haben eine bestimmte Vorstellung zu der erwarteten Rendite, die Banken eine bestimmte Vorstellung zu einem maximalen Kreditvolumen unter einem definierten Stress-Szenario. Die Banken errechnen so einen bestimmten maximalen Darlehensbetrag, die Investoren einen bestimmten maximalen Eigenmittelbeitrag. Sieht man sich dabei die Anforderungen beider Kapitalgebergruppen an, kann man Folgendes festhalten: Die Banken haben im Prinzip seit zwei Jahrzehnten die gleichen Anforderungen hinsichtlich maximaler Darlehenslaufzeit, Risikomarge und Belastbarkeit der Cashflows. Die Investoren konnten bis 2012 etwa 6 % interne Rendite durchsetzen und seitdem liegt der Wert bei ca. 4 %. Mit diesen beiden Größen kann der Projektierer dann aussteuern, zu welchem Preis er ein PV-Vorhaben anbietet. 

Wie sieht der technische Fortschritt bei den PV-Anlagen aus?

Setzt man die Energieproduktion ins Verhältnis zur installierten Kapazität und bereinigt man diesen Wert um die lokalen Einstrahlungswerte, so ergibt sich ein im Prinzip konstantes Verhältnis. Das bedeutet, dass die Anlagentechnik von Ihrer technischen Performance her dasselbe zu sein scheint, was wir schon vor 20 Jahren finanziert haben. Eine kleine Einschränkung gibt es: Der technische Fortschritt wurde genutzt, um die Module enger zu stellen, um so Pachtkosten einzusparen – damit wurde auch der Landverbrauch geringer, der derzeit bei ca. 1,5 Hektar pro MW liegt. Die Größenordnung des technischen Fortschritts in diesem Zeitraum liegt bei etwa 1,5 % und zeigt, dass der technische Fortschritt kaum eine Rolle bei den gesunkenen Stromgestehungskosten spielt.

Wie stehen die Banken der Photovoltaik gegenüber?

Sehr positiv: Die gesamte Erzeugungstechnik ist – bis auf die Wechselrichter – praktisch wartungsfrei. Die Energieproduktion ist zudem sicher prognostizierbar und schwankt nur in einem geringen Maße von etwa 7 % um das langjährige Mittel.  Damit sind sowohl die Einzahlungen als auch die Auszahlungen von PV-Vorhaben sehr gut prognostizierbar, was sie als eine für eine Projektfinanzierung perfekt geeignete Asset-Klasse auszeichnet.  Hinzu kommt, dass PV-Anlagen eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung erfahren. 

Was bedeutet die Kostensenkung denn für die Photovoltaik weltweit?

Schon in Deutschland lässt sich PV ökologisch und ökonomisch gut nutzen. Noch wesentlich günstiger wird die Bewertung, wenn die Standorte näher am Äquator liegen: In Spanien liegen die Globalstrahlungswerte um etwa 80 % oberhalb der Werte in Deutschland, in Ägypten ca. 140 % höher, was sich in entsprechend niedrigere Stromgestehungskosten überführt. PV-Strom ist damit in Äquatornähe die preisgünstigste aller Energieerzeugungsformen. 

Gelten die Aussagen denn auch für Solarkollektoren auf privat genutzten Häusern?

Im Prinzip ja: Auch hier sind die Stromgestehungskosten parallel zu denen von Freiflächenanlagen gesunken, liegen aber noch um den Faktor 2,5 höher. Dies liegt daran, dass Skalenerträge v.a. bei großen Anlagen umgesetzt werden können und die Deckungsbeiträge bei kleinen Installationen höher sein müssen. Trotzdem rechnet sich eine PV-Anlage auch bei uns im Norden, wenn auch erst in einem längeren Zeitraum. Und mittlerweile kann es aufgrund der Kostensenkung sogar sinnvoll sein, PV-Module zur Nordseite hin zu installieren. Ein Batteriespeicher ist allerdings derzeit nur ökologisch sinnvoll. Ich würde aber dazu raten, bei einer anstehenden Sanierung des Daches unbedingt den Einbau einer Solaranlage bzw. insgesamt die Aspekte einer vollständigen energetischen Sanierung zu bedenken. 

Wird die Photovoltaik ausschließlich für weiteres Stromangebot benötigt?

Die Nutzung der Sonnenenergie ist ein zentrales Element für den notwendigen weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien, der u.a. für die regenerative Erzeugung von Wärme und nachhaltige Mobilität benötigt wird. Wir müssen immer sehen, dass die Nutzung von erneuerbaren Energien primär für die Stromerzeugung verwandt werden sollte, um Umwandlungsverluste möglichst klein zu halten. Natürlich ist es so, dass die gesunkenen Stromgestehungskosten mittlerweile Nutzungsoptionen ermöglichen, die vor einigen Jahren noch nicht vorstellbar waren, wie etwa die Erzeugung von Wasserstoff aus PV. Wir haben aber das Thema, dass die EE-Erzeugungskapazitäten nicht unbegrenzt vorhanden sind und es eine Priorität ihrer elektrischen Nutzung geben sollte.

Gibt es auch Restriktionen des Wachstums?

Ja, es gibt Aspekte, die limitierend wirken: Freiflächenanlagen bedeuten einen deutlichen Flächenverbrauch, der bei einem massiven Ausbau auch zu Widerständen führen kann. Dann müssen wir sehen, dass – bis auf ganz wenige Ausnahmen – alle PV-Module in China produziert werden, so dass wir das Thema Versorgungssicherheit im Auge behalten müssen. Und schließlich benötigen wir Speichermöglichkeiten und Spitzenlastkraftwerke, um mit dem Thema des fluktuierenden Energieangebotes umgehen zu können.

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 25 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ein ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz und hohen Change-Management-Skills. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung und der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen.

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