Hierarchie im Rudel

Ein jeder kennt den Begriff der Hierarchie oder der Rangordnung in einem Rudel. Besonders deutlich wird dies beispielsweise bei Hühnern – dort ist es die Hackordnung. Nun mag das Sozialverhalten von Hühnern eine hinreichend geringe Komplexität aufweisen, dass eine lineare Hackordnung (A > B > C > …) ausreichend ist, um einer Schar die notwendige Struktur zu geben. Bei anderen Arten reicht es dann schon nicht mehr aus.

Natürlich fragt man sich dann sehr schnell, ob diese Naturgesetze auch so oder in ähnlicher Form für den Menschen gelten. Auf der einen Seite ist der Mensch ein soziales Wesen, gleichsam einem Herdentier. Auf der anderen Seite reden wir ganz viel über Augenhöhe, Demokratie, Gleichberechtigung und andere Dinge. In Unternehmen werden Hierarchieebenen abgeschafft – man könnte also förmlich den Eindruck bekommen, dass die Hierarchie als solches aus der Mode gekommen ist.

Die spannende Tatsache ist jedoch, dass jemand – also letztendlich eine Person – diese Hierarchie formell und tatsächlich abschaffen muss. Und diese Person ist es doch auch, die diese Hierarchie wieder einführen könnte. Also: wo steht denn diese Personen mit ihrem Rang in der nicht existenten Hierarchie?

Für komplexere soziale Wesen ist der Begriff einer Hierarchie wahrscheinlich etwas zu eindimensional. Es geht letztlich um Ordnung und Struktur in einer Gruppe: Wem kann ich vertrauen? Wer kann mich beschützen? Wer kann das entscheiden?

Damit bestehen neben formellen Strukturen in Unternehmen (und damit auch Hierarchien) viele situative Konstellationen (Projektgruppen, Teams, informelle Gruppen, usw.) wo sich immer wieder eine (Teil-)Hierarchie bildet, teilweise auch situativ.

Wenn jemand die Abschaffung der Hierarchie fordert, dann ist es sowohl das Eingeständnis, dass er nicht an der Spitze dieser (ggfs. Teil-)Hierarchie steht, als auch das Einfordern von mehr Anerkennung durch die Gruppe. („ Ich fühle mich in der Gruppenkonstellation nicht wohl und wäre in einer chaotischen Situation besser dran.“)

Dem entgegengesetzt möchte jemand, der die Hierarchie einer Gruppe abschafft, also diese Hierarchiefreiheit gewährt, im Gegenzug Dank, Respekt und Verbundenheit. Eigentlich doch eine Stärkung seiner bisherigen Position an der Spitze der Hierarchie.

Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass es keine echte vollständige Abschaffung von Hierarchie gibt und es immer zumindest eine soziale Hierarchie geben wird/muss. Damit haben aber auch die sozialen Grundmuster einer Hierarchie in Gruppen bestand, für die an sich eine Hierarchie abgelehnt wird. Abschließend exemplarisch zur Veranschaulichung die Rollenverteilung in einem Wolfsrudel:

Der α-Wolf ist der Anführer des Rudels und er bestimmt den Weg. (Er ist nicht zwingend der stärkste Wolf, aber er ist dann der mutigste und kampferfahrenste Wolf.)

Ein β-Wolf ist die Nummer Zwei im Rudel. Es kann ein junger Wolf sein, dem noch Erfahrung fehlt oder ein erfahrener Wolf, dem vielleicht ein bisschen Mut oder Kraft fehlt, der aber dafür eine besondere Erfahrung oder eine besondere Strategie mitbringt (=Experte für besondere Herausforderungen). Aus dem Kreis der β-Wölfe rekrutieren sich typischerweise die Nachfolger des α-Wolfes. Ein β-Wolf will sich also bewähren und für eine potentielle Nachfolge positionieren; manchmal genügt einem β-Wolf auch die Abspaltung von einem Teil des Rudels, für das er dann zum α wird.

In jedem Rudel gibt es den einen Ω-Wolf. Er ist der schwächste oder der dümmste Wolf im Rudel, kurzum: er ist der perfekte Sündenbock und Schuld an allem, was dem Rudel widerfährt. Hierüber herrscht Konsens im Rudel. Keiner verteidigt ihn, um nicht selbst in den Ω-Verdacht zu geraten.

Alle anderen Wölfe sind einfach nur Mitglieder des Rudels.

Haben Sie Aspekte ihres Arbeitslebens in diesem Wolfsrudel wieder erkannt? Wahrscheinlich schon, denn wenngleich unsere sozialen Spielregeln deutlich komplexer und komplizierter sind, als die der Tiere, so haben sich die Wurzeln doch über die 10.000en von Jahren bewahrt.

Wie immer freue ich mich über Ihre Anmerkungen und Kommentare zu Beitrag.

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 25 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ein ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz und hohen Change-Management-Skills. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung und der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen.

2 Kommentare zu „Hierarchie im Rudel

  1. Hallo Thies. Ich glaube, es ist weitgehend unstrittig, dass der Omega Wolf sehr wichtig ist für die Adhäsion der Gruppe. Aber ist er wirklich der dümmste Wolf im Rudel? Ist er vielleicht einfach nur anders als die anderen Wölfe und es ist einfacher, ihn in die Omega Rolle zu drängen, als sich mit seiner Andersartigkeit auseinanderzusetzen? Wir wissen alle aus der Schule, dass auch der klassenclown sich in einer anderen Gruppe, einem anderen Rudel in einer anderen Rolle befinden konnte. Mein Fazit: gruppenordnungen/-Hierarchien sind notwendig und können nicht per „Order de Mufti“ abgeschafft werden. Die jeweils zugeordnete Rolle in einer Gruppe hängt aber stark von der Gruppe und der Perzeption ab- diese ist also nicht „von oben gegeben“

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Robert, vielen Dank für Deine Anmerkungen. Der Omega-Wolf leistet natürlich auch seinen Beitrag für die Gruppe, weil die Gruppenmitglieder sich gegen ihn abgrenzen. Er kann der dümmste Wolf sein, muss es aber nicht. In jedem Fall hat er eine Eigenschaft, die ihn vom Rudel so deutlich und unstrittig unterscheidet – und er qualifiziert sich gleichzeitig nicht über Stärke für eine Alpha oder Beta-Rollle in der er seine Andersartigkeit umdeuten oder nutzen kann. Schwäche oder Dummheit sind nur plakative Beispiele für ein Omega.

      Wölfe haben nur das Rudel und damit nur eine Rolle. Bei den Menschen ist es natürlich komplexer. Da sind wir in mehreren „Rudeln“ Mitglied. Und manchen Menschen reicht es in einem Rudel der Alpha zu sein (z.B. Familie) um dann in einem Rudel die Omega-Rolle auszuhalten, etc.

      Die Rolle im Rudel leitet sich aus der sozialen Interaktion innerhalb des Rudels ab, nicht aus der Wahrnehmung von aussen – selbst wenn die natürlich auch wiederum die soziale Interaktion beeinflussen kann. Und die Interaktionen und Stärken sind natürlich relativ und damit von dem Abhängig, was sonst noch im Rudel an Personen, Kompetenzen, etc. vorhanden ist.

      Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der Klassenclown wirklich (immer) ein Omega ist. Ich denke, es ist eine Beta-Strategie mit Omega-Risiko.

      Gefällt mir

Schreibe eine Antwort zu Robert Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: