Eine Ausfallwahrscheinlichkeit bietet fünf verschiedene Risikoprofile

Die Durchführung eines Kundenratings und die damit erhaltene Ratingnote sagt lediglich etwas über die Ausfallwahrscheinlichkeit aus, nicht jedoch etwas über das damit verbundene wirtschaftliche Risiko.

Die Ausfallwahrscheinlichkeit drückt aus, hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Kreditnehmer während der Vertragslaufzeit nicht in der Lage sein wird seine Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Ein Ausfallereignis bedeutet also nicht, salopp gesagt, dass das Geld weg ist, sondern nur, dass es Probleme gibt. Möglicherweise lassen sich die Probleme sogar während der Kreditlaufzeit wieder beheben.

Grundsätzlich gibt es nach einem Ausfallereignis drei mögliche Szenarien, wie sich die gesamte Geschichte weiter entwickeln kann:

  1. Gesundung
  2. Restrukturierung
  3. Ausfall

Bei der Gesundung kann über die Zufuhr von weiteren Mitteln oder Nutzung von anderen Bankmitteln oder -linien oder über Gespräche des Kunden mit Debitoren oder Kreditoren des Kunden der ursprüngliche Zahlungsplan wieder aufgenommen werden.

Bei einer Restrukturierung werden bestehende Zahlungsvereinbarungen angepasst, sodass sie wieder tragbar und einhaltbar für den Kunden werden.

Der tatsächliche Ausfall ist das, woran man bei einem Ausfallereignis stets denkt, was jedoch nur bei einem Teil der Fälle tatsächlich eintritt. Gleichzeitig bedeutet ein Ausfall zunächst nur, dass das Kreditverhältnis durch den Kunden nicht mehr bedient werden kann und daher gekündigt werden muss.

Ein relevantes Merkmal für den Ausfall ist, dass der Kunde nicht in der Lage ist oder sein wird, in einem hinreichenden Umfang Zahlungen zu mobilisieren, um eine Fortsetzung der Kreditbeziehung sinnvoll erscheinen zu lassen.

Ob und wie viel Geld eine Bank tatsächlich an diesem Kreditengagement verlieren wird, hängt letztendlich von der Positionierung ihrer Forderung ab.

Das nachfolgende Fremdkapital-Modell stammt aus der strukturierten Finanzierung:

  1. Senior Debt
  2. Second Lien
  3. High Yield
  4. Mezzanine
  5. Junior Debt
  6. Equity

Unter „Senior Debt“ versteht man die klassischen Bankverbindlichkeiten eines Kundenunternehmens, welche über Covenants und/oder bankübliche Sicherheiten abgesichert sind. (Je nach Finanzierungskonstellation gibt es manchmal auch noch Super Senior Debt, welches dem Senior Debt im Range vorangestellt ist. In Betracht kommen hier beispielsweise Sondergeschäfte oder Saisonlinien; die Herausforderung besteht jedoch darin, dies auch tatsächlich Insolvenz fest zu vereinbaren.)

„Second Lien“ sind ebenfalls Bankverbindlichkeiten, die jedoch nachrangig oder zweitklassig besichert sind. Hierzu gehören Sicherheiten, die nicht die Richtlinien der Banken erfüllen, Pfandrechte an immateriellen Wirtschaftsgütern (des Anlagevermögens) oder Sicherheitenwerte oberhalb der jeweiligen Beleihungsgrenzen.

Der Begriff „High Yield“ wird für hoch verzinsliches und risikoreiches Geschäft der Banken verwendet. Hier gibt es typischerweise keinerlei Sicherheiten; das bedeutet dann auch, dass High-Yield- Gläubiger erst nach Verwertung der Sicherheiten und Verteilung des Sicherheitenerlöses befriedigt werden können.

Der Begriff „Mezzanine“ steht für ein eigenkapitalnahes Darlehen, welches ein Fremdkapitalgeber dem Unternehmen zur Verfügung stellt. Die Absicherung eines Mezzanine-Darlehens erfolgt entweder von außerhalb des Finanzierungskreises oder auch durch ein Wandlungsrecht (= Umwandlung des Darlehens in eine Eigenkapitalbeteiligung, sofern die Vertragsbedingungen verletzt werden).

Ein „Junior-Loan“ wird nur dann benötigt, wenn die Eigenkapitalausstattung des Unternehmens so niedrig ist, dass sich kein Mezzanine-Kapitalgeber finden lässt (oder wenn kein Mezzanine-Kapitelgeber gewollt ist – trotz der damit verbundenen niedrigeren Kosten). Der Darlehensgeber eines Junior-Loans hat keinerlei Besicherung, keinerlei sonstige Ansprüche und wird im Range auch erst nach dem Mezzanine bedient. Ein typisches Merkmal eines Junior-Loans ist, dass ein Zahlungsausfall fast automatisch zu einem Totalverlust führt. Dies wiederum motiviert einen Junior- Gläubiger länger auszuhalten, als es vermutlich für alle Beteiligten sinnvoll ist.

„Equity“ ist das gewöhnliche und tatsächlich vorhandene Eigenkapital in dem finanzierten Unternehmen; dies umfasst sowohl das gezeichnete Kapital wie auch etwaige vorhandene Rücklagen.

Hinweis: Wenn ein Kreditnehmer von der Bank erhalten Finanzierungsmittel an eine Tochtergesellschaft durchleitet, dann entstehen Forderungen bzw. Verbindlichkeiten an verbundene Unternehmen. Es ist im Regelfall davon auszugehen, dass diese nicht als Senior an die Mutter zurückgezahlt werden können (dürfen) – insbesondere dann, wenn die Tochtergesellschaft weitere, eigene Finanzierungsquellen hat. Insofern Augen auf bei der Mittelverwendung des Kunden, zumal entsprechende Verstrickungen im Krisenfall die Komplexität erhöhen und eben möglicherweise den Wert der eigenen Finanzierungsposition schmälern.

Diese gedankliche und vertragliche Tranchierung von Risikoebenen ist in der strukturierten Finanzierung (zum Beispiel bei LBO / Leverage Buy Outs) Standard. Im klassischen Firmenkundengeschäft höre ich dies so gut wie überhaupt nicht. Warum eigentlich nicht?

Es wird extrem viel Energie auf das Rating verwendet und in einem zweiten Schritt wird geschaut, wie viele und welche Kreditsicherheiten für die angefragte Finanzierung notwendig oder möglich sind, und dann wird eine Entscheidung getroffen. Ja oder nein. Recht digital.

Ja, die Sicherheiten werden in das Kalkulationstool  (zum Beispiel Marzipan) mit eingegeben und es gibt eine Auswirkung auf den Gesamtpreis. Aber immer nur relativ gering und eigentlich immer auch nur als Mischkalkulation. Typischerweise – macht ja auch etwas weniger Arbeit – bekommt der Kunde dann dafür auch nur ein einziges Darlehenskonto.

Warum bilde ich diese Risikoschichten nicht auch sichtbarer in der Finanzierung eines Kunden ab?

  • Ein Konto für Senior Debt mit festen Sicherheitenwerten. Sehr günstige Konditionen, lange Laufzeit, sehr geringe Tilgung
  • ein Konto für Senior Debt mit variablen Sicherheiten. Günstige Konditionen, Kontokorrent oder Rollover-Credit-Facility
  • Second Lien mit deutlich höherem Preis und steilem Tilgungsprofil, Laufzeit maximal 5 Jahre
  • Usw.

Kunden haben ein Interesse daran, genauer zu verstehen, wie ihre Bank sie sieht und auch wie Preise der Bank entstehen. Gleichzeitig haben sie durchaus ein Eigeninteresse sich risikokonform analog der Bankenperspektive zu verhalten: Die teuren Kredite werden zuerst zurückgeführt, die Fremdfinanzierungsquote bezüglich in ruhigeres Fahrwasser zurück gesteuert und es entstehen schneller wieder Spielräume für neue Investitionen.

Nicht zuletzt tue ich mir als Bank mit einer Mischkalkulation auch nicht immer einen Gefallen. Im Gespräch und bis die Tinte trocken ist, ist ein Paketpreis – zumal unter Freunden – immer eine gute Sache. Wenn das Gespräch aber dann länger zurückliegt, und mal von links und mal von rechts andere Angebote eintrudeln, dann sind dort keine Mischkalkulationen ausgeflaggt. Sondern aggressiv gerechnete Angebote auf eine konkrete Situation.

Bei allem Vertrauen und aller Freundschaft wäre schon gut, wenn dieser beiläufige Vergleich für die Hausbank nicht zu schlecht ausfällt. Selbst wenn sich der Kunde noch an den Paketpreis erinnert und in diesem Moment für ihn alles o. k. ist, wird aber im Hinterkopf ein Preisanker des Wettbewerbers gesetzt – der dann unkommentiert und undiskutiert stehen bleibt.

Niemand weiß ob oder wann dies einmal zum Problem wird.

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 25 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ein ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz und hohen Change-Management-Skills. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung und der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen.

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