Mut zur Investition – warum Unternehmen ihn brauchen und Banken ihn ermöglichen müssen

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Ein Plädoyer für aktives Relationship Banking in unsicheren Zeiten

1. Investieren in unsicheren Zeiten: ökonomisch rational – psychologisch anspruchsvoll

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist seit Jahren von außergewöhnlicher Unsicherheit geprägt. Konjunkturelle Schwäche, geopolitische Spannungen, Energiepreisschocks, strukturelle Standortprobleme sowie eine hohe wirtschaftspolitische Unklarheit verstärken den Investitionsattentismus von Unternehmen. Empirisch gilt: Je höher die Unsicherheit, desto stärker werden Investitionsentscheidungen aufgeschoben – selbst dann, wenn Investitionen objektiv notwendig wären. Die Deutsche Bundesbank sowie das ifo Institut zeigen übereinstimmend, dass Unsicherheit einen eigenständigen, dämpfenden Effekt auf Investitionen ausübt.  (Quellen: Bundesbank, Ifo-Institut)

Gerade im deutschen Mittelstand ist diese Zurückhaltung besonders ausgeprägt. Laut KfW Research investierten im Jahr 2023 lediglich rund 39 % der mittelständischen Unternehmen, ein historisch niedriger Wert. Viele Unternehmen fahren auf Sicht, investieren bestenfalls in Effizienz- oder Ersatzmaßnahmen – nicht jedoch in strukturelles Wachstum. (Quelle: KfW-Research)

Und dennoch zeigen die gleichen Studien: Unternehmen, die investieren, sind resilienter, produktiver und langfristig erfolgreicher. Der Widerspruch zwischen makroökonomischer Notwendigkeit und mikroökonomischer Entscheidung ist offensichtlich – und hier beginnt die Dimension Mut.

2. Mut ist keine fehlende Rationalität – sondern eine Frage von Perspektive

Mut zu investieren bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Im Gegenteil: Aus Sicht vieler Unternehmer erscheint Zurückhaltung hoch rational. Studien der KfW und des ifo Instituts zeigen, dass vor allem folgende Faktoren Investitionen bremsen:

  • Unsichere Absatzperspektiven
  • steigende Finanzierungskosten
  • regulatorische Unklarheiten
  • demografische Effekte (hohes Alter der Inhaber)
  • ungeklärte Unternehmensnachfolge

Gerade der demografische Aspekt ist bedeutsam: Inhabergeführte Unternehmen mit älteren Eigentümern investieren deutlich seltener und geringer; bei ungeklärter Nachfolge sinkt das Investitionsvolumen laut KfW um rund 30 %. (Quelle: KfW, KfW-Research)

Mut ist daher weniger eine Charaktereigenschaft – sondern das Ergebnis von Planungssicherheit, Perspektive und vertrauensvoller Begleitung.

3. Warum Investitionen gerade jetzt notwendig sind

Trotz – oder gerade wegen – der aktuellen Unsicherheit zeigen mehrere Researcharbeiten, dass ein Verzicht auf Investitionen langfristig die größere Gefahr darstellt:

  • Substanzverzehr statt Werterhalt
  • Verlust der Wettbewerbsfähigkeit
  • sinkende Produktivität
  • geringere Innovationsfähigkeit

Der Mittelstandsradar 2025 der LBBW macht deutlich: Deutschland steht an einem investiven Scheideweg. Unternehmen, die strukturell nicht investieren, laufen Gefahr, durch internationale Wettbewerber, technologische Rückstände oder Kostenstrukturen abgehängt zu werden. (Quelle: LBBW)

Auch die DSGV‑Analyse „Zukunft Mittelstand“ betont: Private Investitionen sind der entscheidende Hebel, um wirtschaftliche Dynamik wiederzubeleben – staatliche Impulse allein reichen nicht aus. (Quelle: DSGV)

4. Die Rolle der Bank: vom Kreditgeber zum MutErmöglicher

In diesem Spannungsfeld kommt dem Bankpartner eine zentrale Rolle zu. Forschung zu Relationship Banking zeigt seit Jahrzehnten: Gerade im Mittelstand sind stabile, persönliche Bankbeziehungen entscheidend für Investitionsentscheidungen. (Quellen: MPRA, Bundesbank)

Dabei geht es nicht primär um Konditionen, sondern um:

  • Informationsvorsprung durch Nähe
  • qualitatives Verständnis des Geschäftsmodells
  • langfristige Perspektive auf Risiko und Ertrag
  • Vertrauen in kritischen Entscheidungsphasen

Studien der Bundesbank und des DIW zeigen, dass Unternehmen mit stabilen Hausbankbeziehungen eher investieren und Krisen besser überstehen. (Quellen: Bundesbank, DIW)

Gerade in unsicheren Zeiten verschiebt sich die Erwartungshaltung der Firmenkunden: 

Weg vom reinen Kreditanbieter – hin zum Sparringspartner.

5. Mut entsteht im Dialog – nicht im Rating

Die sinkende Nutzung von Bankkrediten ist nicht allein Ausdruck restriktiver Kreditvergabe. KfW Research weist darauf hin, dass über 75 % der investierenden KMU bewusst auf Bankkredite verzichten – oft aus Vorsicht oder Angst vor Verschuldung. (Quellen: KfW, Handwerksblatt)

Hier liegt ein Schlüssel für den Vertrieb:

Wer Investitionen ermöglichen will, muss zuerst Sicherheit vermitteln, nicht Produkte verkaufen.

Erfolgreiche Firmenkundenbetreuer:

  • übersetzen Unsicherheit in Szenarien
  • strukturieren Investitionspfade
  • verbinden Finanzierung mit Strategie, Nachfolge, Transformation
  • helfen, Risiken einzuordnen statt sie zu verstärken

Mut entsteht dort, wo Kunden den Eindruck gewinnen: „Ich treffe diese Entscheidung nicht allein.“

6. Die Chance für Banken und Sparkassen: nachhaltige Positionierung

Für Banken und Sparkassen steckt darin eine enorme strategische Chance. Deloitte und Bain zeigen übereinstimmend: 

Institute, die sich klar am Kunden ausrichten, langfristige Beziehungen aktiv entwickeln und Beratungsmehrwert liefern, sichern sich nachhaltige Erträge – weit über die Zinsmarge hinaus. (Quellen: Bain, Deloitte)

Gerade Sparkassen besitzen hier einen strukturellen Vorteil:

  • regionale Nähe
  • historisches Vertrauen
  • Verständnis für inhabergeführte Strukturen

Relationship Banking ist damit kein nostalgisches Modell, sondern ein hochaktuelles Differenzierungsinstrument.

7. Fazit: Mut ist kein Selbstzweck – sondern ein Gemeinschaftsprodukt

Unternehmerischer Mut entsteht nicht im luftleeren Raum. Er ist das Ergebnis aus:

  • verlässlichen Rahmenbedingungen,
  • tragfähigen Geschäftsmodellen
  • und vertrauensvollen Bankbeziehungen.

Gerade in schwierigen Zeiten entscheidet sich, welche Bank nur begleitet – und welche wirklich bewegt.

Für Vertriebsmanager und Firmenkundenbetreuer bedeutet das:

Wer heute Mut ermöglicht, erntet morgen loyale Kundenbeziehungen.


Quellen (Auswahl, öffentlich zugänglich)

KfW Research; ifo Institut; Deutsche Bundesbank; DSGV; LBBW Research; DZ BANK Research; DIW Berlin; RWI Essen, LBBW, KfW, DSGV, MPRA (Munich Personal RePEc Archive)

Veröffentlicht von Thies Lesch, LL.M.

Thies Lesch (Baujahr 1972) studierte, nach Bankausbildung und Weiterbildung zum Handelsfachwirt, Betriebswirtschaft an der Fernuniversität in Hagen und schloss mit den Vertiefungen Bankbetriebslehre und Wirtschaftsinformatik als Diplom-Kaufmann ab. Mit einigen Jahren Abstand folgte in 2016 der Master of Laws in Wirtschaftsrecht an der Hamburger Fernhochschule HFH mit den Vertiefungsschwerpunkten Arbeitsrecht, Mediation und – als Abschlussthema – Kreditrecht. Die Masterarbeit „Negative Zinsen und das Kreditgeschäft: Rechtliche Herausforderungen für Banken in Deutschland“ wurde vom SpringerGabler-Verlag in das BestMasters-Programm aufgenommen und erschien im Januar 2017 als Fachbuch. Die über 30 Jahre Berufserfahrung erstrecken sich in verschiedenen Rollen und (Führungs-)Funktionen weitgehend auf das Firmenkunden(kredit)geschäft und nationale wie internationale Spezial-/Projektfinanzierungen. Thies Lesch ist ausgewiesener Experte in Vertriebsmanagement und Vertriebssteuerung mit ausgeprägter strategischer Kompetenz. Sein Interesse gilt der Systematisierung im Vertrieb, der potenzialorientierten Marktbearbeitung, der Zukunftsfähigkeit des Produktangebotes von Banken und Sparkassen und dem Entscheidungsverhalten von und in Organisationen aus den Perspektiven Compliance und Unternehmensethik.

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